Geschichte

Stickereien

Es scheint ein menschliches Bedürfnis zu sein, die Gegenstände, mit denen sich der Mensch umgibt, zu verzieren und zu verschönern.
So entwickelten sich im Laufe der Zeit viele textile Verzierungstechniken.
Die Stickerei hat sich wahrscheinlich daraus ergeben, dass das Zusammennähen einer Naht eintönig und langweilig aussah.
Gerne wollten die Menschen Kleidungsstücke reicher verzieren, und so wurde zunächst einmal die Naht farbig genäht. Es entstanden immer mehr bunte Nähte und Säume, die zu Borten erweitert wurden.
Mit grossem Zeiteinsatz und viel Fantasie wurden später die Kleidungsstücke und Gegenstände mit Ornamenten und
schliesslich mit Bildern verziert. Zusätzlich wurden Goldfäden, Bänder und Perlen verwendet.
In allen Kulturen und Religionen der Welt findet man Stickereien. Die Motive reichen von Alltagsszenen über Feste zu Geburt und Hochzeit bis zum Tod. Auch Glaube und Aberglaube finden in den Stickereien
ihren Niederschlag.
Das Verzieren wurde immer begehrter. So verwundert es nicht, dass auch zum Sticken und Verzieren Maschinen eingesetzt
wurden. Auch die heutigen Nähmaschinen bieten uns unzählige Stick- und Verzierungsmöglichkeiten.

Stickereiindustrie im Wandel der Zeit

Es war ein langer Weg von den ersten textilen Verzierungen bis zur maschinellen Herstellung von Stickereien und Spitzen.
Aufwändig verzierte und bestickte Kleider waren früher ein Ausdruck der sozialen Stellung der Trägerin oder des Trägers. Nur wenige konnten sich diese Kostbarkeiten leisten.
Doch der florierende Welthandel und die Industrialisierung brachten Wohlstand und eine zunehmende Käuferschaft für solche Luxusartikel.
Angesichts der grossen Nachfrage versuchten Erfinder das zeitraubende
Handsticken durch Maschinen rationeller zu machen.

Die ersten mechanischen Apparate ahmten die Arbeitsweise der Handstickerinnen nach. Diese Handstickmaschinen zogen den Faden durch den Stoff hin und her. Die Weiterentwicklung ging Hand in Hand mit der Entwicklung der Nähmaschine.
Die Stickmaschine arbeitet mit vielen Nadeln gleichzeitig und mit zwei Fäden, einem Oberfaden und einem Unterfaden.
1913 gelang es der Firma Saurer in Arbon, eine Stickmaschine zu erstellen, die 100 Stiche in der Minute machte. Diese Maschine stellte eine Stickerei von sehr hoher Qualität her.
Die neusten Hochleistungs-Stickmaschinen sind elektronisch gesteuert, und sticken bis 1400 Stiche in der Minute.

Stickerei und Spitze
Man unterscheidet zwischen Stickerei und Spitze.
Eine Stickerei ist ein bestickter Stoff.
Spitzen wurden gestickt oder geklöppelt, aber auch gehäkelt oder gestrickt. Bei den gestickten Spitzen wird der Stoff aus den Zwischenräumen teilweise herausgeschnitten.

Die Erfindung des St.Gallers Charles Wetter macht es möglich, Spitzen maschinell herzustellen. Je nach Material werden verschiedene
Verfahren angewendet. Wird reine Seide bestickt und mit Natronlauge
behandelt, löst sich die Seide auf

Auswirkungen der wirtschaftlichen Entwicklung

Das Kloster St.Gallen trug nicht nur zur kulturellen, sondern auch zur wirtschaftlichen Entwicklung der Ostschweiz und der angrenzenden Regionen bei. Bereits im Mittelalter unterhielt es Werkstätten, in denen die Kunst des Handstickens gepflegt und gefördert wurde. So verwundert es nicht, dass im Gebiet St.Gallen, Appenzell und Vorarlberg die Stickereiindustrie beheimatet ist.

Die in einfachen Verhältnissen lebende Landbevölkerung war auf einen zusätzlichen Erwerbszweig angewiesen, um überleben zu können. So entwickelte sich die Stickerei mit Handstickmaschinen zu einer echten Heimindustrie, in der die ganze Familie eingebunden war.
Der Mann übernahm die Arbeit an der Maschine. Die Frau und die Kinder fädelten die Nadeln ein und besserten die Fehler aus. Das Arbeitsrecht setzte damals die Arbeitszeit auf 11 Stunden fest und untersagte die Kinderarbeit. Doch das galt nur für die Fabriken. Zuhause musste jeder mithelfen, denn die Händler und Exporteure zahlten die Stickereien nach der Zahl der Stiche und nicht nach den
geleisteten Arbeitsstunden.

Bis zum Jahr 1890 stieg die Zahl der Handstickmaschinen in der Region auf 20000 an. Dies ist ein Zeichen des enormen Aufschwungs und der weltweit grossen Nachfrage nach Stickereien.

Doch durch Überproduktion, steigende Konkurrenz aus dem Ausland, die Errichtung von Einfuhrzöllen und dem stetig sinkenden Bedarf an Stickereiprodukten kam dieser Industriezweig in eine existenzbedrohende Krise. Das Rezept hiess Gesundschrumpfung. Handsticker, die bereit waren, ihre Maschine zu verschrotten,
bekamen dafür 200 bis 400 Franken und mussten sich verpflichten, keine neue Maschine zu kaufen. Auch die Fabriken reduzierten die Anzahl ihrer Maschinen.

Die Zeit der Handstickmaschinen ist heute endgültig vorbei. Der Bedarf an Stickereiprodukten ging stark zurück. Doch, wenn wir genau hinschauen, entdecken wir, dass die Stickerei in unserem Alltagsleben noch immer ihren Platz hat!




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